Vorweg
Im Schach bekommt jede:r Spieler:in auf einem Schachserver eine Wertungszahl. Diese liegt zwischen einigen Hundert bis hin zu über 3000 bei Online-Bullet-Spieler:innen. – Wie kann man aus einer Lichess Wertungszahl seine erwartete DWZ abschätzen? Geht das überhaupt?
Ursprünglich hatte die Weltorganisation des Schachs, die FIDE, ein ELO-System eingeführt. Diese ursprünglich recht strenge Bewertungsskala wurde mit den Jahrzehnten aufgeweicht, so dass heute auch jede:r Hobby-Spieler:in eine ELO-Zahl haben kann. Parallel dazu hatte der deutsche Schachbund aus seinem damaligen Ingo-System 1991/92 die heutige DWZ (Deutsche Wertungszahl) abgeleitet.
Auch Lichess vergibt für seine registrierten Spieler:innen eine Wertungszahl. Genau genommen handelt es sich dabei aber nicht um eine klassische Elo-Zahl, sondern um eine Wertung nach dem Glicko-2-System. Dieses System ist mit Elo verwandt, berücksichtigt aber zusätzlich, wie zuverlässig eine Wertungszahl bereits eingeschätzt werden kann. Bei Lichess sieht man das etwa an der Angabe „Wertungsabweichung“ hinter der Wertungszahl: Je mehr aussagekräftige Partien gespielt wurden, desto kleiner wird diese Unsicherheit; nach längerer Inaktivität kann sie wieder größer werden.
Für den groben Vergleich mit DWZ-Zahlen bleibt trotzdem die praktische Frage bestehen: Wie kann man eine Lichess-Wertung ungefähr einordnen? Eine direkte Umrechnung ist dadurch allerdings noch schwieriger als bei zwei klassischen Elo-Systemen. Lichess selbst beschreibt seine Ratings als Glicko-2-basiert; die Wertungen starten dort bei 1500.
Ein Vergleich
Wertungszahlsysteme im Schach verfolgen zwar alle ein ähnliches Ziel – die relative Spielstärke von Spieler:innen abzubilden –, sie arbeiten aber nicht alle nach demselben Verfahren. FIDE-Elo, DWZ und Online-Wertungen wie bei Lichess sind deshalb nicht ohne Weiteres ineinander umrechenbar. Lichess verwendet Glicko-2 und berücksichtigt neben der eigentlichen Wertungszahl auch eine Unsicherheit der Einschätzung, die sogenannte Rating Deviation bzw. Abweichung. Vereinfacht gesagt: Eine Wertungszahl nach vielen aktuellen Partien ist statistisch belastbarer als eine Wertungszahl nach wenigen oder lange zurückliegenden Partien.
Dadurch kann es erst recht kein einfaches fixes Offset geben, mit dem man eine Lichess-Wertung zuverlässig in eine DWZ umrechnet. Ein:e Spieler:in mit 1800 ± 40 (Wertungsabweichung 40) ist anders einzuordnen als ein:e Spieler:in mit 1800 ± 200, obwohl beide zunächst dieselbe sichtbare Wertungszahl haben. Das Glicko-System wurde gerade als Weiterentwicklung des Elo-Systems eingeführt, unter anderem um diese Unsicherheit der Wertung abzubilden.
Im Netz kursiert aber z.B. ein Umrechnungsoffset von 250, um von seiner Lichess-Online-Blitzwertungszahl auf die DWZ zu kommen. Dass dies nicht stimmen kann, sieht man an einem einfachen Vergleich.

Nur 5% aller Schachspieler:innen auf Lichess haben eine Blitz-Lichess-Wertung über 2200. Wenn es tatsächlich ein einfaches Offset von 250 Punkten für die Umrechnung gäbe, so müssten auch nur etwa 5% der Schachspieler:innen beim deutschen Schachbund eine DWZ über 2200 – 250 = 1950 haben.
Tatsächlich aber haben 13,4% aller Schachspieler:innen mit DWZ Zahl eine DWZ über 1950. Man liegt mit der Offset-Schätzung also weit daneben. Umgekehrt haben nur 3,3% aller Schachspieler:innen mit DWZ Zahl eine DWZ über 2200.
Umrechnung Lichess Wertungszahl in DWZ?
In der Tat scheint es mir realistischer sich zu orientieren, wieviel Prozent der Schachspieler:innen in einer Gruppe schlechter als man selber spielen. Dies gibt eine ungefähre Richtschnur an. Die folgende Tabelle gibt einige markante Eckdaten für DWZ-Zahlen (Stand 04.2022) an:
| DWZ | Besser als Y% |
|---|---|
| 2864 | 100,00 |
| 2779 | 99,99 |
| 2640 | 99,90 |
| 2390 | 99,0 |
| 2125 | 95 |
| 2005 | 90 |
| 1928 | 85 |
| 1861 | 80 |
| 1752 | 70 |
| 1654 | 60 |
| 1559 | 50 |
| 1461 | 40 |
| 1348 | 30 |
| 1202 | 20 |
| 985 | 10 |
| 843 | 5 |
| 533 | 0 |
Die beste DWZ hatte 2022 Weltmeister Magnus Carlsen mit 2864. Er ist entsprechend besser als 100% der DWZ-Träger*innen. Die schlechteste überhaupt geführte DWZ war 533. Nun sah 2022 das zugehörige Liniendiagramm zu dieser „DWZ-Population“ so aus:

Es gibt wie erwartet eine klassische Elo-Verteilung wieder. Für andere Gruppen mit einer entsprechend berechneten Wertungszahl ist diese Kurve in x-Richtung entsprechend gestreckt oder gestaucht. Für Lichess findet man sie hier. Dort kann man auch die eigene Position anhand seiner Lichess Wertungszahl ablesen, wenn man dort mit seinem Lichess-Account angemeldet ist, und bereits genug Wertungsspiele gespielt hat.
Wichtig ist dabei: Die Lichess-Zahl ist keine Elo-Zahl im engeren Sinne. Wer seine eigene Lichess-Wertung mit DWZ vergleichen möchte, sollte deshalb nicht nur auf die Zahl selbst schauen, sondern auch darauf, ob die Wertung bereits stabil ist. Bei Lichess zeigt die Abweichung hinter der Wertungszahl an, wie sicher das System die Spielstärke einschätzt. Eine niedrige Abweichung spricht für eine stabilere Einordnung; eine hohe Abweichung bedeutet, dass sich die Wertung nach weiteren Partien noch stärker verändern kann.
Nimmt man nun den Prozentsatz Y schlechterer Spieler abgelesen aus den genannten Graphen, so kann man seine Zahl in etwa von einem ins andere System übertragen.
2022 hatte beim deutschen Schachbund etwa 68.000 Spieler:innen eine DWZ. Auf Lichess spielten währenddessen etwa 660.000 Schachspieler:innen online Blitzschach. Das ist grob ein Faktor zehn Unterschied. Natürlich ist der Schachbund national, Lichess aber international aufgestellt. Auch darüber hinaus vergleicht man hier eigentlich Äpfel mit Birnen. Nämlich klassisches Wettkampfschach einerseits und Onlineblitzschach andererseits.
Man kann eine Umrechnung sicherlich nicht verallgemeinern. Dennoch ist Schach vor allem Übungssache. Wer viel studiert, trainiert und spielt, wird entsprechend relativ besser.
Fazit zur Lichess Wertungszahl

Wie gut man seine Spielpraxis bei Lichess – und damit eine Glicko-2-basierte Lichess-Wertung – in Turnier- oder Wettkampfschach beim Schachbund umsetzen kann, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Diese sind m.E. sehr persönlich. Hinzu kommt, dass Lichess nicht einfach „Elo“ misst, sondern neben der Wertungszahl auch die statistische Unsicherheit dieser Zahl berücksichtigt. Eine direkte Umrechnung in DWZ kann deshalb immer nur eine grobe Orientierung sein.
Da eine Wettkampfpartie beim Schachbund verglichen mit einer Online- Blitzpartie zu Hause sehr lange dauert und aufwendig ist, wird man entsprechend weniger Partien beim Schachbund spielen können. Das wirkt sich beträchtlich aus. Dadurch dass damit der einzelnen Partie ein viel größeres Gewicht zukommt, gehört hier also auch eine Portion Glück dazu. So z.B. das, was man mit „Tagesform“ meint. Ausgeglichenere Charaktere mit geringeren Tagesschwankungen haben hier einen Vorteil. Für sie ist eine geringere Statistik nicht tragisch.
Das Wichtigste bleibt am Ende dabei: Schach macht Spaß, für jung und alt! – Deshalb: Allzeit gut Holz! 😉
SH, April 2022
Update 06.2026






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