Ein paar Worte vorweg
Wie kann man Schacheröffnungen gut lernen? Was ist dabei zu beachten? Da es eine Unmenge an Eröffnungen im Schach gibt, ist ein ganz wesentlicher Schritt dabei die Auswahl der richtigen Eröffnung. Doch diese Auswahl ist nicht nur subjektiv. Die Variantenzahl einer konkreten Eröffnung ist ein guter Parameter, um Kriterien zur Auswahl abzuleiten. Ich gehe auf diese Kriterien umfassend ein und verweise zusätzlich auf praktische Eröffnungstools: einen Eröffnungsfinder, einen Eröffnungsbaum, Vergleichsansichten und den ausgelagerten Variantenrechner. So kann man persönlich analysieren, wie geeignet das eigene Repertoire in der Praxis ist, und „unberechenbar“ für den Gegner bleiben oder werden. – Ein Praxisbericht.
Übrigens
Wer sich aber ganz neu mit Schach beschäftigt, findet hier gute Tipps, wie man Schach leicht lernen kann.
Schacheröffnungen: Tools, Rechner und Überblick
Du willst nicht nur lesen, sondern direkt arbeiten? Hier findest du die passenden Einstiege: Eröffnung finden, Varianten verstehen, zwei Systeme vergleichen oder die praktische Wahrscheinlichkeit unliebsamer Varianten berechnen.

1. Passende Eröffnung finden
Der Schacheröffnungsfinder führt zu den wichtigsten Unterseiten: Filter, Eröffnungsbaum, Einzelansicht, Vergleich und Liste.
2. Variantenrechner nutzen
Der bisherige Wahrscheinlichkeitsrechner hat jetzt eine eigene Seite. Dort lässt sich abschätzen, wie wahrscheinlich unbekannte oder nachteilige Varianten in mehreren Partien aufs Brett kommen.
3. Überblick behalten
Der folgende Artikel bleibt der Einstieg in die Kriterien: Auswahl, subjektive und objektive Faktoren, Variantenzahl, Lernaufwand und praktische Repertoire-Strategie.
Die Auswahl der Schacheröffnungen
Die Auswahl eines Eröffnungsrepertoires ist eine sehr persönliche Sache. Es gibt dazu im Netz viele Werkzeuge, die einem bei dieser Auswahl helfen:
- Direkt hier auf schachlich.de hilft der Schacheröffnungsfinder beim Einstieg: mit Filter, Eröffnungsbaum, Einzelansicht, Vergleich, spielbarem Brett und Eröffnungsliste.
- In Wikipedia sind mittlerweile alle Schacheröffnungen gut beschrieben, um sich ein erstes Bild der jeweiligen Eröffnung zu machen. Man muss sie nicht gleich in der Tiefe studieren: https://de.wikipedia.org/wiki/Eröffnung_(Schach)
- Wie viele Schacheröffnungen gibt es? Welche sind das? – Den Baum aller möglichen Eröffnungen in der Praxis kann man browsen unter http://www.chesstree.net/ bzw. alternativ (besser wegen https) https://www.chessroots.com/
- Die Open-Source-Webseite https://www.openingtree.com hilft u.a. dabei, die Lichess oder Chess.com Partien eines Spielers zu analysieren. Man kann es z.B. nutzen, um sich auf einen Gegner vorzubereiten, das eigene Spiel bezüglich Eröffnung u.a. zu verbessern oder aus Großmeisterpartien zu lernen.
- Auch der Eröffnungsbereich von Lichess ist für die erste Orientierung hilfreich: Dort kann man Schacheröffnungen nach Namen, Variantenbaum und praktischer Häufigkeit durchsuchen. Besonders nützlich ist das, wenn man schnell sehen möchte, welche Eröffnungen in echten Partien oft vorkommen und welche Fortsetzungen typischerweise daraus entstehen.
- Die eigene „Schachpersönlichkeit“ und die dazu passenden Eröffnungen lassen sich herausfinden unter http://www.chesspersonality.com/
Kriterien für die Auswahl von Eröffnungen
Fragebogen: Welche Schacheröffnung passt zu mir?
Wer eine passende Schacheröffnung sucht, sollte nicht nur nach Namen wie Sizilianisch, Londoner System oder Damengambit gehen. Wichtiger ist zunächst die Frage, welche Art von Stellungen überhaupt zum eigenen Spiel passt. Spiele ich lieber ruhig und solide oder suche ich früh taktische Chancen? Möchte ich wenig Theorie lernen oder bin ich bereit, komplexe Varianten zu studieren? Suche ich eine Eröffnung für Weiß, eine Antwort auf 1.e4 oder 1.d4 – oder ein flexibles System, das ich gegen vieles verwenden kann?
Genau dafür gibt es den Schacheröffnungsfilter auf schachlich.de. Dort kannst du mit wenigen Angaben eingrenzen, welche Eröffnungen zu deinen Vorlieben passen: Farbe, Spielstil, Theoriemenge, Risiko, Spielstärke, typischer Gegnerzug und persönliches Ziel. Das ersetzt natürlich kein eigenes Nachdenken über das Repertoire, hilft aber sehr gut dabei, die Auswahl sinnvoll zu verkleinern.
- Spielstil: solide, aggressiv, positionell, taktisch, systembasiert, gambitartig oder überraschend?
- Theorieaufwand: lieber wenige Grundideen oder viele konkrete Varianten?
- Risiko: sicherer Aufbau oder bewusst scharfes Spiel?
- Ziel: Königsangriff, schnelle Entwicklung, langfristiger Druck, gute Endspiele oder Flexibilität?
Der Fragebogen ist damit besonders nützlich, wenn du am Anfang deines Eröffnungsrepertoires stehst oder dein bisheriges Repertoire gezielt überarbeiten möchtest. Statt wahllos Eröffnungen auswendig zu lernen, kannst du erst einmal klären, welche Richtung überhaupt zu dir passt.
Doch bevor man tief in das Studium von bestimmten Eröffnungen einsteigt, sollte man sich vorab über einiges klar werden.
Subjektives Kriterien
Zum einen gibt es nämlich sicherlich subjektive Kriterien für die Auswahl, die sehr verschieden sein können, wie etwa:
- Welche Eröffnungen sind mir historisch (aus meiner eigenen Schach-Biographie) ans Herz gewachsen?
- Was für Stellungstypen (z.B. offen/geschlossen, positionell/taktisch, etc.) mag ich besonders?
- Bin ich bereit, planmäßig mit Computer-bewertetem Nachteil aus der Eröffnung zu kommen, etwa durch ein nicht ganz korrektes Opfer oder Gambit?
- Welche Eröffnungen passen zu meiner „Schachpersönlichkeit“ (s.o.)? Bin ich ein eher defensiver oder aggressiver Spieler-Typ?
- Will ich mal was komplett Neues probieren?
- Liegt mir eher Eröffnung, Mittel- oder Endspiel? Wo suche ich die Entscheidung in der Partie?
- Welche Figuren mag ich am meisten?
- … etc.

Objektive Kriterien
Zum anderen gibt es darüber hinaus aber auch einige objektive Kriterien, die bei der Wahl der Eröffnung helfen können:
- Bin ich als Schachspieler in meiner Umgebung neu oder „stadtbekannt“? Kennt man mein bisheriges Repertoire?
- Welche Partien von mir sind öffentlich verfügbar? Etwa auf Schachservern oder in Datenbanken.
- Mit welchen Eröffnungen habe ich statistisch mehr, mit welchen weniger Erfolg? Hier kann z.B. Openingtree (s.o.) oder das freie Datenbanktool SCIDvsPC helfen.
- Führt eine Eröffnung in offene oder geschlossene Stellungen? In positionelles oder taktisches Spiel?
- Sind Eröffnungen wegen der entstehenden Bauernstruktur (auch hier kann SCIDvsPC helfen) verwandt und lassen sich deshalb leichter lernen?
- etc. …
Einige dieser objektiven Kriterien zielen aber vor allem auf die Frage nach der Anzahl an möglichen Varianten einer Eröffnung ab. Diese sind etwa:
- Muss ich meine Eröffnung in der Praxis oft variieren? Wie viele verschiedene Varianten sollte meine Eröffnung haben?
- Was kann in der Praxis an Varianten aufs Brett kommen?
- Müssen alle Varianten in meinen Schacheröffnungen bekannt sein?
- Wie schwer sind die Varianten meiner Eröffnung zu merken?
- Muss ich überhaupt Varianten lernen, oder reicht die Kenntnis der Grundidee meiner Eröffnung?
- Wird mich ein Gegner wahrscheinlich in meinen eigenen Schacheröffnungen böse überraschen?
Die Anzahl der Varianten in Schacheröffnungen
Neben der Frage nach der konkreten Eröffnung ist also auch die Frage sehr interessant, wie viele Varianten zu einer Eröffnung gehören. Genauer gesagt, wie viele Varianten in der Praxis aufs Brett kommen können. Davon hängt unter anderem die Beantwortung vieler der obigen Fragen ab. Ganz wichtig aber: die Anzahl an Varianten allein ist noch lange kein alleiniges Auswahlkriterium für eine Eröffnung. Aber diese Anzahl fließt in die daraus abgeleiteten obigen Kriterien ein.

Wie viele verschiedene Varianten sollte meine Eröffnung haben?
Vorüberlegung
Zunächst einmal gibt es den Fall, in dem ich nur gelegentlich Wettkampfschach spiele oder wenn meine Partien nicht veröffentlicht bzw. gespeichert werden. Dann reicht es, wenn meine Eröffnung nur ganz wenige mögliche Varianten hat. Das gleiche gilt, wenn ich an Turnieren teilnehme, bei denen es keine Vorbereitungszeit gibt. Bei denen kann sich der Gegner ohnehin nicht auf mich vorbereiten.
Wo spiele ich?
Ganz anders sieht es aus, wenn ich viele Jahre in der selben Liga oder am gleichen Turnier teilnehme. Dann kennen meine Gegner mich und meine Eröffnung. Insbesondere ist es in dem Fall wichtig, dass meine Eröffnung so viele Varianten hat, dass sie für meine Gegner nicht zu vorhersagbar ist. Je mehr Varianten dann möglich sind, desto weniger vorhersagbar ist mein Spiel für den Gegner. Desto schlechter kann er sich auf mich vorbereiten.
Variantenzahl
Hat meine Eröffnung aber sehr viele Varianten, so steigt auch die Zahl der Varianten, die ich lernen muss, enorm an. Kann ich mir z.B. nur 18 Varianten merken, so fehlen mir bei 100 möglichen Varianten 82% aller Varianten, während mir bei 20 möglichen Varianten nur 2% fehlen. Hier rührt die Vorliebe vieler konservativer Schachspieler her, Eröffnungen mit geringem Reichtum an Varianten zu spielen. Dadurch dass man sich nur eine bestimmte Anzahl Varianten merken kann, steigt bei solchen Schacheröffnungen die Sicherheit enorm. Die Sicherheit, keine unbekannten Varianten aufs Brett zu bekommen.
Wie viele Varianten können in der Praxis aufs Brett kommen?
Hierauf gibt es keine allgemeine Antwort, da dies stark von der Eröffnung abhängt. Ich empfehle zur Beantwortung für die jeweilige Eröffnung den oben schon genannten Baum aller möglichen Eröffnungen in der Praxis unter http://www.chesstree.net/. Ergänzend kann man mit dem Variantenrechner abschätzen, was die Zahl unbekannter oder nachteiliger Varianten für die praktische Wahrscheinlichkeit in mehreren Partien bedeutet.
Wie genau muss ich alle Varianten in den Schacheröffnungen kennen?
Das hängt ebenfalls von der Anzahl der möglichen Varianten ab. Hat meine Eröffnung nur wenige Varianten, so tue ich gut daran, diese auch umfassend zu kennen. Um eine Zahl zu nennen: 98-99% bei variantenarmen Eröffnungen. Sind in meiner Eröffnung hingegen sehr viele Varianten möglich, begeben sich beide Spieler am Brett in einen Kosmos an Möglichkeiten. Es wird damit immer unwichtiger, wirklich alle Varianten zu kennen. Ein hoher Prozentsatz sollte reichen. Um eine Zahl zu nennen, 60-80% bei komplexen Eröffnungen.
Wie schwer sind die Varianten meiner Eröffnungen zu merken?
Auch hier spielt die Anzahl möglicher Varianten hinein. Je mehr Varianten eine Eröffnung hat, desto schwerer ist es, sie alle zu behalten. Auch wächst die Anzahl an Varianten exponentiell mit der Zugtiefe. Sind pro Stellung in der Eröffnung beispielsweise zehn Züge in Betracht zu ziehen, so sind es nach acht Halbzügen 108 also hundert Millionen Varianten. Umgekehrt sind bei komplexen Eröffnungen in der Regel auch mehr Züge pro Stellung in Betracht zu ziehen. Dadurch steigt wieder die Anzahl Varianten. Folglich kommt es, dass die Eröffnungslandschaft clustert in sehr komplexe und sehr einfache Eröffnungen.
Muss ich überhaupt Varianten lernen?
Bei manchen Schacheröffnungen reicht tatsächlich die Kenntnis der Grundidee der Eröffnung. Dazu gehören z.B. das Colle System oder das Londoner System. Damit sind dann einerseits auch nahezu keine Varianten in diesen Eröffnungen zu lernen. Andererseits jedoch sind solche Eröffnungen, wie oben schon ausgeführt, vorhersagbarer als andere. Wenn man sich also auf diese Schacheröffnungen beschränkt, läuft man der Vorbereitung des Gegners öfter ins Messer. Als Ergänzung zu einem abwechslungsreichen Repertoire sind sie aber auch im Wettkampfschach geeignet.
Wird mich ein Gegner in meinen eigenen Schacheröffnungen böse überraschen?
Gute Frage. Die ausführliche Antwort samt praktischem Wahrscheinlichkeitsrechner ist jetzt ausgelagert: Dort geht es darum, wie wahrscheinlich es ist, dass bei mehreren Partien mindestens einmal eine unbekannte oder nachteilige Variante aufs Brett kommt.
Fazit
Die richtige Wahl der Eröffnung und die richtige Strategie beim Aufbau eines Eröffnungsrepertoires ist also nicht nur Geschmackssache. Es gibt einige Argumente, die bei diesen Entscheidungen wichtig sind. Ein ganz wichtiges Argument ist ganz sicher die Anzahl der in der Praxis möglichen Varianten in einer Schacheröffnung – kurz: Zahl an Varianten. Doch wir haben gesehen, dass die Zusammenhänge komplexer sind.
Viel Spaß und Erfolg beim Aufbau des eigenes Repertoires an Schacheröffnungen und gut Holz!
SH März 2019
Update SH Mai 2026: Eröffnungstools ergänzt und Variantenrechner ausgelagert.






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