Frauen, Männer und Schach

Ein paar Worte vorweg …

Frauen, Männer und Schach – gerade bei diesem Thema will ich gleich zu Anfang klar stellen, dass ich ausschließlich aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet habe. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter (nicht nur Mann und Frau). Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung. Warum sehe ich mich als geeignet, über dieses Thema zu schreiben? Zum einen bin ich seit vielen Jahren passionierter Schachspieler und habe schon gegen zig Frauen, Kinder, Senioren, “Behinderte”, Ausländer, … gespielt. Zum anderen bin darüber hinaus ich ein sehr weltoffener Mensch mit Horizont und persönlicher Geschichte, fest mit den Menschenrechten verwurzelt.

Der überlegene Mann?

Nun zum eigentlichen Thema zurück. In der Geschichte “Das Damengambit” durchbricht eine Frau die Männerdomäne Schach. Die zugehörige Netflixserie hat einen Schachhype ausgelöst. Oft taucht diesertage die Frage auf: “Warum spielen Männer besser Schach als Frauen?”. Ich finde, schon die Fragestellung ist falsch und irreführend. Ich will die Fragestellung dazu zunächst sogar noch aufweiten.

Warum glauben also viele (vor allem Männer), dass “Männer” grundsätzlich besser im Schach seien? Warum glauben manche weiterhin, dass manche Eigenschaften eines Menschen, wie

  • Geschlecht
  • sexuelle Orientierung
  • körperliche oder seelische Verfassung
  • Psyche
  • ggf. “Behinderung”
  • Alter
  • sozialer Status
  • Nationalität
  • Vereinszugehörigkeit
  • Andersartigkeit
  • oder sonst irgend etwas, was ihn als Mensch von anderen Menschen unterscheidet

bzgl. seiner Fähigkeiten im Schach irgendeine Bedeutung haben?

Sicher, gerade heutzutage gibt es viele, die dies schlicht aufgrund ihrer rechtspopulistisch geprägten (bis hin zu einer faschistischen) Grundeinstellung für gesetzt annehmen. Menschen nämlich, deren Weltbild vor allem von Hass und Fakenews, von “alternative facts” geprägt ist. Die vier Jahre lang indes dem mächtigsten Mann der Welt aufgesessen sind. Dabei teilen sie insbesondere andere Menschen in Klassen, Rassen etc..

Wieso gibt es so viele männliche Großmeister?

Eigentlich ist es mathematisch einfach. Wenn in einer einmal existierenden “Domäne” (hier: Schach; Grund dafür nebensächlich) 95% Männer und 5% Frauen sind, beide sich aber bzgl. der Domäne in nichts unterscheiden (außer ihrem Anteil daran). Dann gibt es natürlich auch bei den Titelträgern darin nur maximal 5% Frauen. Maximal deshalb, weil sie eine gravierende Minderheit sind, und deshalb (soziologisch) Diskriminierung in irgendeiner Form auf der Hand liegt bzw. zu erwarten ist. Es wäre die erste Gesellschaft auf diesem Planeten, in der Diskriminierung von Minderheiten kein Thema wäre.

Hier gegen zu steuern sollte den Organisationen/Verbänden geboten sein, und das versuchen sie ja zum Glück auch. Meine persönliche Einschätzung ist, dass es mit heutiger Politik noch viele Jahrzehnte dauern wird, bis die Schachgemeinde aus 50% Frauen und 50% Männern besteht. Vielleicht sogar dann aus 15% Menschen mit Behinderung. So hoch ist der Anteil von ihnen an der Weltbevölkerung.

Was fehlt einer Frau zum Schach?

Frau und Schach - Das Damengambit
THE QUEEN’S GAMBIT (L to R) ISLA JOHNSTON as BETH (ORPHANAGE) in episode 101 of THE QUEEN’S GAMBIT Cr. PHIL BRAY/NETFLIX © 2020

Ganz einfach: Nichts! Anders als für viele andere Sportarten braucht man für Schach keinen starken Muskelbau. Bei letzterem sind Männer objektiv durchschnittlich – wen auch nicht im speziellen – im Vorteil. Dies ist Folge eines höheren Spiegels des männlichen Geschlechtshormons Testosteron im Blut. Natürlich gibt es dennoch viele Männer, die auch bei körperlichen Sportarten schwächer sind, als viele Frauen. Im Durchschnitt aber sind Männer muskulärer als Frauen. Nein, im Schach braucht man seine Muskeln fast gar nicht. Vielleicht allenfalls, um Anspannnung und Stress abzubauen.

Beim Schach spielt sich fast alles im Gehirn ab – kombiniert mit den Gefühlen. Denn elementar im Schach ist der Umgang mit Fehlern, und da spielen Gefühle und Gemütszustände eine große Rolle. Weiterhin braucht es viel Kreativität. Der letzte menschliche Weltmeister Kasparov hat letzeres schon immer sehr betont. Ein guter Schachspieler merkt sich Unmengen an Motiven und Mustern und erkennt diese zuverlässig in der Praxis. Der Großmeister John Nunn hat es klar herausgestellt: Schach ist Übungssache. Die besten Schachspieler werden die, die die meisten Großmeisterpartien studiert bzw. nachgespielt haben. Schach ist in diesem Sinne eine alte Wissenschaft. Die allermeisten ihrer Geheimnisse sind schon aufgedeckt worden, wenn auch nicht einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Gleiches Recht für alle?

Hier kommen wir der eigentlichen Ursache der Vorherrschaft des “Mannes” im Schach auf die Spur: er hat (bzw. hatte viele Jahrhunderte) den Zugang, sich mit Schach zu beschäftigen. Ihm wird nämlich von der Gesellschaft die entsprechende Zeit und Muße gegeben. Denn das braucht es für Schach: viel Zeit für Training, am besten von klein auf. Mit Gesellschaft denke ich dabei an die allgemeine Gesellschaft auf der Welt. In den allermeisten Ländern der Erde ist Gleichberechtigung, sind sogar Menschenrechte Fremdwörter.

Selbst vermeintlich fortschrittliche Nationen tun sich groß hervor, indem sie von höchster Stelle diskriminieren oder Menschenrechte mit Füßen treten. Demokratische Industrienationen wie mein eigenes Land sind zwar grundsätzlich auf einem besseren Weg. Dennoch macht es da auch nur auf den ersten Blick eine größere Ausnahme. Quotenregeln z.B. sind das Ergebnis eines Armutszeugnisses der Industrie, die nicht fähig ist, für gleiche Chancen und Rechte zu sorgen.

Der “Mann” hat übrigens in vielen Ländern die Freiheit, im Kaffee- oder Teehaus zu sitzen und einer netten Partie Schach zu fröhnen. Die Erziehung der Kinder und der Haushalt werden immer noch in den allermeisten Regionen den Frauen zugeteilt, während Männer substantiell mehr Geld für die gleiche Tätigkeit bekommen. Ja, man kann sich dabei auch fragen, warum technische Berufe besser bezahlt sind als soziale. Ist ein Auto wohl mehr Wert als ein Menschenleben? Wo setzt eine Gesellschaft also ihre Prioritäten? Im Geld oder nicht besser stattdessen in Menschlichkeit?

Die Frau und die Männerdomäne Schach

Frau und Schach - Das Damengambit
THE QUEEN’S GAMBIT (L to R) MATTHEW DENNIS LEWIS as MATT, RUSSELL DENNIS LEWIS as MIKE, HARRY MELLING as HARRY BELTIK, and ANYA TAYLOR-JOY as BETH HARMON in episode 102 of THE QUEEN’S GAMBIT Cr. COURTESY OF NETFLIX © 2020

Nüchtern betrachtet kann man zunächst nur feststellen, dass deutlich mehr Männer Wettkampfschach spielen als Frauen. Letzteres aber auch nur, wenn man von den offiziellen Wettkämpfen ausgeht. Sieht man sich Wettkämpfe im Kleinen an, etwa zwischen zweieiigen Zwillingen – speziell Mädchen/Junge – dann ist sehr oft das Mädchen überlegen.

Für Erfolg im Wettkampf braucht es Grell. Also einen ausgeprägten Ansporn, gewinnen zu wollen. Der ergibt sich hauptsächlich aus dem “Sich-Messen-Wollen”, aus dem Vergleich zu anderen. Auch hier ist ein Mechanismus, der den “Männern” in die Hände spielt. Ist die Domäne erst einmal etabliert, so ist es vornehmlich für andere “Männer” wirklich interessant, sich mit den Männern der Domäne zu messen. Ein sich selbst verstärkendes Cluster.

Schach – das könnte menschlich betrachtet zunächst für alle gleichermaßen zugänglich sein. Was es einzig braucht ist eine Art logische, analytische Intelligenz, aber vor allem viel Erfahrung und “Turnierhärte” oder “Spielhärte” die dann die Spielstärke ausmacht. Hier gibt es sicherlich Menschen, die für Wettkampfschach besser aufgestellt sind, die von Natur aus mehr Talente diesbezüglich mitbringen als andere. Diese für Schach talentierte Gruppe sind sicherlich nicht zwangsläufig patriotische, nichtbehinderte, heterosexuelle, wohlhabende Männer. Wohl aber hat hingegen diese Gruppe Männer ganz offenbar derzeit (wie die letzten Jahrhunderte auch) die Weltherrschaft inne. Entsprechend kann sie sich die Freiheit nehmen, nach Herzenslust Schach zu spielen und zu studieren.

Fazit

Also nochmal: “Warum spielen Männer besser Schach als Frauen?”. Richtig muss es heißen: “Warum spielen Männer mehr und häufiger Schach als Frauen?”. – Dafür gibt es viele Gründe. Der Hauptgrund ist, dass sie bevorteilt sind in unserer Welt, und mehr Zeit dazu haben. Der zweite, dass die Domäne der “Männer” im Schach schon seit Ewigkeiten existiert. Sie ist nicht leicht zu durchbrechen.

Ich will auch Dich ermuntern dran zu bleiben am Schach. Als Frau, als Behinderter, als Mensch eines dritte-Welt-Landes, oder einfach als Widerspenstiger, als Ungewöhnlicher und als Anderer. Nimm den Kampf im Schach auf! Miss Dich geistig-intellektuell über dieses herrliche Spiel mit anderen! Führe Krieg am Brett statt im Leben, und zeig dem “männlichen”, vermeintlich besseren Goliath den schachlichen Stinkefinger! 😉

Gut Holz!

SH, 01.2021

ersticktes Matt

Ein auf jeden Fall berühmtes Matt-Motiv: ersticktes Matt (“smothered mate”).

Weiß zieht und setzt folgerichtig in drei Zügen Matt. Ein Klassiker folglich unter den Schachrätseln, der darüber hinaus die Macht des Springers zeigt.

Figuren beim Schach: Der Springer. Seine Paraderolle: ersticktes Matt
Springer

Hier außerdem noch, was Wiki dazu sagt. Die Lösung gibt es indes hier.

SH, 25.5.2018

EDIT: Ein schönes Beispiel aus der Praxis zeit auch diese Partie im Sveshnikov.

SH, 01.2021

Djampaleia am Rhein

Heute also war Djampaleia, der kleine schwarze Springer, in Maxau am Rhein spazieren. Obwohl es dort zwar kalt war, war es doch sonnig, und wirklich ein schöner Tag.

Die Idee ist insbesondere, weiterhin noch mehr Ausflüge mit Djampaleia zu machen, zu fotografieren, und schließlich hier zu posten. So kann Djampaleias Herrchen sein Hobby Fotografieren, seine Leidenschaft Schach und seine Liebe zu Djampaleia verbinden … Stay tuned! 😉

SH, 01.2021