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WDL – Propabilistische Bewertung

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WDL – Propabilistische Bewertung

Kennt Ihr das? Ihr habt euch monatelang mit dem „neuen heißen Scheiß“ befasst, und viel gelernt. Und dann geht das Leben weiter, Ihr braucht es eine Weile nicht, und vergesst das Gelernte komplett? Dann, nach Jahren, stoßt ihr auf genau denselben Zusammenhang, und denkt: ach ja, stimmt… das war doch revolutionär. Und es ist schon ein etabliertes Werkzeug geworden, das ihr dummerweise ignoriert habt.

So ging es mir mit der WDL-Bewertung im Schach, die mit Leela Chess Zero (LC0) im Jahr 2020 kam.

Centipawns – das alte Paradigma

Viele Jahre lang haben Schachengines Stellungen in Bauerneinheiten bewertet. +1.00 bedeutete ungefähr einen Mehrbauern, +3.00 eine Figur usw. Diese Zahl – der berühmte Centipawn-Score – ist bis heute die Standardanzeige fast jeder Engine. Das Problem: Diese Bewertung ist eigentlich nur eine heuristische Größe. Eine Stellung mit +0.50 kann praktisch totremis sein. Eine andere mit +0.20 kann strategisch völlig verloren wirken. Die Zahl sagt also nicht direkt, wie wahrscheinlich ein Sieg ist.

Der LC0-Moment mit WDL

Mit Leela Chess Zero änderte sich der Blickwinkel. Die neuronale Engine wurde darauf trainiert, den wahrscheinlichen Ausgang einer Partie vorherzusagen. Statt einer abstrakten Materialzahl liefert sie im Kern drei Werte:

  • Win
  • Draw
  • Loss

Kurz: WDL.

Ein Beispiel:

WDL: 42 / 38 / 20

Das bedeutet ungefähr:

  • Weiß gewinnt: 42 %
  • Remis: 38 %
  • Schwarz gewinnt: 20 %

Plötzlich sieht man sofort, wie „praktisch gewonnen“ oder „praktisch remis“ eine Stellung wirklich ist.

WDL wird Mainstream

Interessanterweise blieb es nicht bei LC0. Auch klassische Engines wie Stockfish haben inzwischen ein WDL-Modell integriert. Der bekannte Centipawn-Score wird dort statistisch auf Gewinn-/Remis-/Verlust-Wahrscheinlichkeiten abgebildet.

Damit wurde WDL vom experimentellen Feature zu einem echten Analysewerkzeug.

Das ist für Hobbyspieler und Profis gleichermaßen hilfreich:

  • Man versteht besser, ob ein Vorteil wirklich relevant ist.
  • Man sieht schneller, ob eine Stellung praktisch remis ist.
  • Man erkennt Unterschiede zwischen taktischem Vorteil und strategischer Gewinnwahrscheinlichkeit.

Kurz gesagt: WDL beantwortet die eigentliche Frage im Schach viel direkter:

Wie wahrscheinlich ist es, dass ich diese Stellung gewinne?

Und jetzt praktisch: Viele moderne GUIs können diese Werte anzeigen, manchmal muss man sie nur aktivieren.

Probabilistische Bewertung (WDL) in En Croissant aktivieren 

Im Folgenden eine kurze Anleitung für WDL unter En Croissant, das sensationelle (fast noch) neue, freie Schachtool für Windows, Mac und Linux: probabilistische Bewertung in En Croissant aktivieren.

1. Engine-Einstellungen öffnen

Engine → Configure Engines → Lc0 / Stockfish auswählen. (lc0 QuickStart hier mehr zu Stockfish hier)

2. WDL-Ausgabe aktivieren

In den Optionen der Engine (LC0 / Stockfish) die Einstellung UCI_ShowWDL = true aktivieren.

3. Analyse starten

Analysefenster öffnen und LC0 (oder Stockfish) rechnen lassen.

4. WDL-Werte ablesen

Im Engine-Output erscheinen Zeilen wie:

wdl 46 34 (20 – nicht sichtbar)

Das bedeutet ungefähr:

  • Weiß gewinnt: 46 %
  • Remis: 34 %
  • Schwarz gewinnt: 20 % (nicht angezeigt, da Summe immer 100%)

Schlussbemerkung

Vorteil von LC0: LC0 bewertet Stellungen wirklich probabilistisch (Gewinn-/Remis-/Verlust-Wahrscheinlichkeit) statt nur in Bauerneinheiten. Dadurch:

  • realistischere Einschätzung von remislastigen Stellungen
  • besseres Verständnis von langfristiger Kompensation
  • oft menschlichere strategische Bewertung als klassische Engines.

Allzeit gut Holz! Euer Sven (schachlich.de)


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